Verschimmelter Käse und eine Prophezeiung

Verschimmelter Käse und eine Prophezeiung
Ein alter Kanal führt hinab zum Hafen

Die Nachtwache

Gregors Keule und der Stock waren fertig – Holz im Feuer gehärtet, mit Metallschleifen verstärkt, solide Arbeit. An Thyras Stab mit den Glöckchen saß ich noch; so etwas baut man nicht zwischen zwei Handgriffen.

Am Abend kamen wir in der Krummen Möwe zusammen und besprachen uns. Was wir bis dahin über die verschwundene Botin Sera zusammengetragen hatten, war wenig Handfestes: eine Zeichnung von ihr, das Gerede ein paar inoffizieller Boten, die sich in einer Kneipe trafen, und eine alte Nachbarin, die aus ihrem Fenster mehr sah, als ihr guttat. Gregor wiederum hatte sich, wie er erzählte, in der Kapelle des Valor umgesehen – das ist seine Sache, nicht meine.

Später beschlossen die Anderen, die Nacht über Wache zu halten, damit der Taverne nichts zustieß. Thyra übernahm die erste Schicht, dann Celestina, zuletzt Gregor. Ich hielt nichts davon, auf einem Wirtshausstuhl zu sitzen und in die Dunkelheit zu starren. Ich ging nach Hause und schlief in meinem eigenen Bett. Wer am Amboss steht, braucht seinen Schlaf.

Seras Wohnung

Am nächsten Tag machten wir uns gemeinsam auf, das Haus zu untersuchen, in dem Sera gewohnt haben sollte. Ein schmales Mehrfamilienhaus, vier Wohnungen vielleicht. Wir gingen einmal vorsichtig darum herum, bevor wir hineingingen. Aus einem Fenster im Obergeschoss sah ein Bewohner heraus und erzählte uns, Sera hatte oben unterm Dach gewohnt – und ihre Tür hatte eigentlich offengestanden.

Offen stand sie nicht. Als wir das Dachgeschoss erreichten, war sie verschlossen. Ich nahm meinen Dolch und setzte ihn am Riegel an. Beim ersten Mal rutschte ich ab – falsches Werkzeug für die Arbeit. Beim zweiten Mal legte ich mich hinein, und der Riegel gab nach. Billiges Zeug, schlecht gehärtet. Metall lügt nicht: Wer so ein Schloss verbaut, will keine ernsthaften Einbrecher fernhalten.

Drinnen war es ordentlich, aber leer. Niemand war da. Auf dem Tisch lagen noch Essensreste – Käse, der schon Schimmel angesetzt hatte. Man verlässt eine aufgeräumte Wohnung nicht und lässt sein Essen verrotten, wenn man in Ruhe aufbricht. Sera war in Eile fort.

Der Zettel

Während wir die Räume absuchten, zog Celestina eine Schublade auf und fand einen kleinen Zettel. Darauf eine grobe Zeichnung – ein Stadtbrunnen – und ein paar Zeilen, die niemand von uns recht einordnen konnte:

Möge die Erinnerung ruhen. Mögen alte Wunden schlafen. Möge die Stadt vergessen, damit sie weiterleben kann.

Ich verstehe mich auf Nähte und Nieten, nicht auf Sprüche wie diesen. Aber wer so etwas aufschreibt und neben eine Brunnenzeichnung legt, meint damit etwas Bestimmtes.

Die Wache

Wir hatten den Riegel kaum aufgebrochen und uns ein wenig umgesehen, da stand schon die Wache in der Tür – ein Sergeant mit ein paar Mann, im Auftrag von Hauptmann Alric Dorn. Eine aufgebrochene Wohnung und ein Haufen Fremder davor: Man musste kein Wachmann gewesen sein, um zu sehen, wie das aussah. Einer nannte uns geradeheraus Einbrecher. Der Nachbar, der sie geholt hatte, war unserer Sache auch nicht wohlgesonnen.

Ich war fünf Jahre bei der Garde. Nun stand ich vor einer aufgehebelten Tür und ließ mir vorwerfen, was ich früher selbst untersucht hätte. Wir erklärten, worum es ging, und suchten die Wache auf, um zu melden, was wir gefunden hatten. Der Sergeant nahm die Sache mit dem Zettel entgegen. Die krakelige Schrift, meinte er, könnte zu einer Sekte gehören – den Erlösern der Tiefe, die im Viertel schon öfter für Unruhe gesorgt hatten. Denselben Namen hatten wir bei der Suche nach Sera bereits gehört. Und es war Alrics Sache, die er uns aufgehalst hatte; nun lag sie wieder bei seinen Leuten auf dem Tisch.

Der Brunnen

Der Zettel wies auf einen ganz bestimmten Brunnen, und den suchten wir auf – einen alten Ziehbrunnen, wie ihn die Zeichnung zeigte. Gregor sprach seinen Zauber, um nach Magie zu suchen. Am Brunnen selbst fand er nichts. Celestina hatte das bessere Auge: An einem Gebäude gleich daneben, über einem alten Kellerabgang unten im Hafenviertel, entdeckte sie eine verwitterte Rune in der Wand.

Runen sind eher mein Gebiet als das eines Priesters. Ich habe genug Metall graviert, um zu wissen, dass niemand ein Zeichen in eine Wand schlägt, ohne dass es etwas bedeuten soll. Also gingen wir hinein.

Der Kanal

Die Tür am Kellerabgang ließ sich leicht öffnen – kein Riegel, der diesmal Ärger machte – und dahinter ging es abwärts. Unten lag ein alter, dunkler Kanal, durch den schmutziges Wasser lief. Es roch nach Hafen und Fäulnis. Wir folgten dem Wasser abwärts, in Richtung der Docks, und suchten die Wände und Seitenarme nach weiteren Zeichen ab.

Weit kamen wir nicht. Aus dem Dunkel kam das Kratzen von Ratten, und Zeichen fanden wir keine mehr. Ohne ordentliches Licht hatte es keinen Sinn, tiefer zu gehen. Wir brachen ab und nahmen uns vor, den Kanal beim nächsten Mal weiter abzugehen.

So blieb es – wie Thyras Glöckchenstab auf meiner Werkbank: eine angefangene Arbeit, die auf das nächste Mal wartete.